„Also?“ Emil schaute geradeaus.
„Ja“, sagte Konrad.
Die beiden Männer standen auf der Brücke und starrten ins Wasser.
„Alles klar? Sie müssen nicht, Herr Hugentobler.“
„Doch, doch, Emil. Ich will ja auch.“
* * *
Konrad war wie immer schon am frühen Morgen unterwegs. Seit Leni gestorben war, konnte er kaum noch schlafen. Er löschte spät das Licht und stand früh wieder auf, dazwischen lag er im Dunkeln. Schlaf überkam ihn selten. Träume auch. Wenn er träumte, dann tagsüber von vergangen Zeiten. Von Leni und von damals.
Sein Tag folgte einer genauen Routine. Morgens um sieben kochte er Wasser. Er stellte zwei grosse Tassen auf den Tisch und hängte den Pfefferminzteebeutel nacheinander hinein. Leni und er hatten immer einen Beutel für zwei Tassen gebraucht. Dazu las er die Zeitung. Um viertel vor Acht legte er das korrekt gefaltete Oltner Tagblatt vor Frau Kälins Tür. So konnten sie sich die Kosten teilen. Fern sah er nur von halb acht bis zehn Uhr abends. Die Tagesschau, dann das Abendprogramm, am liebsten einen Krimi. Radio hörte er selten. Das Hörgerät pfiff.
„Herr Hugentobler, das kann man einstellen“, hatte Frau Kälin gesagt und Konrad hatte genickt. Lenis Stimme hören, das wäre etwas anderes gewesen.
Er war froh um jeden Tag, der vorüber war.
Um acht verliess er das Haus. Bei jedem Wetter, sommers wie winters. Dann spazierte er durch die menschenleere Altstadt vorbei an den Schaufenstern der noch geschlossenen Geschäfte.
„Komm, lass uns sehen gehen!“ hatte Leni immer gesagt.
Sie hatten nie viel Geld gehabt, waren immer sparsam gewesen. Arbeiten und sparen. Viel hatten sie nicht gebraucht.
„Hauptsache, wir haben einander!“ sagte Konrad oft und nahm sie in den Arm. Mittags gab es meistens Kartoffeln und Sosse und abends Brot mit Butter. Fleisch nur sonntags. Wenn Leni nicht in der Fabrik war und er seinen Dienst bei der SBB beendet hatte, gingen sie spazieren. Leni trug dann ihr violettes Kleid und er seinen einzigen Anzug. Sonntags gingen sie in die Kirche und anschliessend zum Kaffee mit der Pfarrgemeinde. Sie waren genügsam. Redliche Leute. Leni war eine gute Frau und eine gute Hausfrau. Am Ende jeden Monats brachten sie zusammen das Geld zur Bank, welches übrig geblieben war. Nicht viel, anfangs zwei, später auch einmal 80 Franken. Irgendwann wollten sie zusammen eine Reise machen. Sie wollten den Hamburger Hafen sehen.
Und dann wurde Leni krank. Sie ass nichts mehr und klagte über Kopfschmerzen.
„Nun ja, das ist das Alter, Frau Hugentobler“, hatte der Arzt gesagt „da gibt es keine Tablette dagegen“.
Zuerst pflegte Konrad sie zuhause. Dann musste sie ins Pflegeheim.
Herr Meier, der Heimleiter, ein junger Mann von höchstens dreissig hatte ihnen vorgerechnet, was sie zu bezahlen hatten.
„Sie haben so viel gespart, da gibt es keine Ergänzungsleistungen, Herr Hugentobler!“ hatte er gesagt und mit dem Kugelschreiber aufs Formular geklopft „bitte hier dann Ihre Unterschrift“.
Die Kosten von 4230 Franken monatlich wurden ergänzt durch fünfmal zwanzig Franken extra für Spezialwindeln und fünf Franken pro Tag für Inkontinenzeinlagen, drei Franken pro Mahlzeit fürs Essen eingeben und vierundzwanzig Franken für achtmal Läuten nachts.
Bald wusste Leni nicht einmal mehr, wer er war. Dann starb sie. An Weihnachten starb sie. Im Heim lief „Oh du Fröhliche“ und als er ins leere Zimmer trat blies die Pflegerin grade die Kerzen am Adventskranz aus.
„Mein Beileid, Herr Hugentobler“, sagte sie. „Es ist ihr gut gegangen.“
Danach hatte er mit den Morgenspaziergängen angefangen. Er begegnete kaum jemandem. Manchmal weinte er beim Gehen.
Eines Morgens hatte er auf der Brücke zur Altstadt Emil kennengelernt.
„Good morning!“ hatte er gelallt und seinen Hut gezückt. Konrad wusste von Emil, dem Stadtoriginal, dem ständig Besoffenen und antwortete anstandshalber im Gehen: „Guten Morgen auch.“
„Warum so traurig?“
Konrad hielt inne. Hatte er richtig gehört?
Zuerst wollte er weitergehen, dann aber drehte er sich um, stand einfach nur da. Tränen liefen ihm übers Gesicht. Emil sah ihn an und schwieg.
Von da an trafen sie sich jeden Morgen auf halber Brücke. Sie siezten sich gegenseitig. Emil war Sie Emil und Konrad Herr Hugentobler. Anfangs tauschten sie Floskeln übers Wetter, dann erzählte Konrad von Leni und wie er sie vermisste.
„Ich werde ihre Leni bald sehen“, sagte Emil eines Tages. „Der verdammte Krebs.“
„Das tut mir sehr leid, Emil“, sagte Konrad.
„Ich bin kein Krebsfutter, ich nehme den direkten Weg!“
Am Abend räumte Konrad die Wohnung auf. Dann schrieb er einen Zettel für Frau Kälin und legte ihn am nächsten Morgen zusammen mit der ungelesenen Zeitung vor ihre Tür. Im Sonntagsanzug, seinem einzigen Anzug, verliess er das Haus.
Emil wartete schon.
„Also?“
„Ja“, sagte Konrad.
„Alles klar? Sie müssen nicht, Herr Hugentobler.“
„Doch, doch. Ich will es ja auch.“
Dann sprangen sie in den Fluss. Direkt zu Leni.