Mein Start in den Tag war nicht perfekt. Schon der Wecker liess mich hängen. Statt um sechs zu schrillen überliess er mich noch einer weiteren Stunde dem Bett. Gleichzeitiges Duschen und Kaffeetrinken und im Treppenhaus noch die Jacke zuknöpfend eilte ich auf den Bus. Im ganzen Gehetze bekam ich vom Wetter nichts mit, bis mich klatschende Regentropfen noch vom letzten Schlaf befreiten. Meine Frisur vergass, was sie sein sollte und wir liessen uns zusammen hängen.
Frustriert, ohne Schirm und Frisur stand ich an der Haltestelle. Klar, der Bus musste auch noch überfüllt sein. Alle die normalerweise zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit gingen, drängten sich bei diesem Wetter auch noch in das organisierte Taxi. Wie ich es hasste, diese ewige Stresserei. Normalerweise schaffte ich es wenigstens bis zur Bürotür, bevor der ganze Zirkus begann.
„Frau Bader, darf ich Sie einen Moment in meinem Büro sprechen?“ Das war mein Chef. Immer durch und durch korrekt. Gekleidet wie sprachlich mit Anzug und Krawatte, Ton in Ton, adrett und langweilig. Nun, was soll man auch dazu sagen, in einem Büro wo den ganzen lieben Tag Computer und Taschenrechner mit einer schier endlosen Menge von Zahlen gefüttert werden und die einzige Abwechslung zwischendurch ein aromatischer Kaffeeduft ist?
Da stand ich also im Büro meines Chefs. „Nehmen Sie doch bitte Platz. Na ja, wie soll ich beginnen, Sie wissen ja selbst seit Monaten ... Hm nun ja, was ich eigentlich sagen wollte … Sie können es sich ja selbst denken warum Sie in meinem Büro sitzen. Die Auftragslage, der Euro, es sieht nicht gerade rosig aus und also, leider muss ich ihnen ... kündigen!“
Paff, das sass. Nicht, dass ich meinen Job so sehr liebte. Man kann sich im Leben durchaus noch anderes vorstellen. Aber einfach so, ratzfatz an diesem Tag? Mit offenem Mund sass ich da und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. „Selbstverständlich verstehe ich ihre Reaktion, es konnte vor ein paar Monaten noch niemand mit so einem Dilemma rechnen“, entschuldigte sich mein korrekter Arbeitgeber weiter bei mir.
Meine Beine bewegten sich wie von selbst. Ich nahm meine Jacke vom Bürostuhl, ging die Treppe hinunter raus auf die Strasse. Verkehrslärm schlug mir entgegen. Meine Beine trugen mich weiter vorbei an Menschen die ich nicht sah, bis zur alten Holzbrücke über dem Fluss.
Nachdenklich stand ich da, hatte die Arme auf das Brückengeländer gestützt und legte meinen schwirrenden Kopf hinein. Ich liess mich tragen von meinen Gedanken, den Stimmen und Gerüchen rundherum. Was jetzt? Meine schon lange geplante Reise endlich umsetzen oder doch lieber eine Ausbildung zur Verbesserung meiner beruflichen Chancen anstreben?
Kinderlachen riss mich aus meinen Gedanken und ich beobachtete eine Gruppe von Kindern, die lachend, schwatzend und gestikulierend die Holzbrücke entlang gelaufen kamen. Plötzlich blieben Sie stehen, knieten sich nieder und fingen an Papier zu falten.
Ohne zu überlegen ging ich auf die Schar zu und fragte sie nach Ihrem Tun. Wortreich erklärten sie mir, dass sie Papierschiffchen falten würden und sie anschliessend ins Wasser werfen wollten. Mit einem breiten Grinsen übergab mir ein kleiner Junge ein Blatt Papier und fragte mich: „Machsch ou eis?“ Lachend nahm ich das Angebot des Jungen an und dachte bei mir: „Mal sehen, wohin mich die Reise führt.“