Heute schien ihm der Fluss besonders kalt zu sein. Obwohl es, was das Schwimmen betraf, weder Jahreszeiten noch Temperaturen für ihn gab. Er schwamm bei jedem Wetter und jeden Morgen pünktlich um die gleiche Zeit. Flussaufwärts, wohlverstanden. Er war schliesslich kein Weichei. Und genau so zielstrebig und hart wie er im Fluss war, so war er auch im Leben. Wie sonst hätte er es so weit bringen können?
Ob er fror, weil Helene jetzt bestimmt auch schon eiskalt war? Oder, überlegte er sich, war sie vielleicht immer noch am Schwitzen?
Er fühlte, dass er beobachtet wurde. Aber war das nicht immer so?
Wusste er nicht ganz genau, dass die Anwohner neidisch auf seine morgendlichen Schwimmzüge hinunterblickten?
Immerhin hatte er, das wurde ihm jeden Morgen aufs Neue bewusst wenn er sich im Spiegel betrachtete, den perfekten Body. Er war eine Augenweide und er genoss es. Immerhin hatte er dafür hatte genug gelitten. Aber er war sehr zufrieden mit dem Resultat. Er war ein Neuer geworden, ein anderer. Nicht mal seine eigene Mutter würde ihn wieder erkennen, und das war auch gut so.
Sein altes Leben hatte aufgehört, als er halbtotgeschlagen auf der Intensivstation erwacht war. Er würde nie wieder mit Drogen dealen, das hatte er sich geschworen, während er sich vor Schmerzen wand. Sein Gesicht war unrettbar verloren gewesen. Aber das Neue, das ihm die Ärzte modelliert hatten, gefiel ihm sowieso viel besser. Es war viel ebenmässiger und wie er fand, sympathischer. Die Nase gerader, die Zähne weisser und sein Lächeln das unendlich viel gewinnender war als vorher, hatten ihm ein nie gekanntes Selbstbewusstsein gegeben.
Er würde der Grösste werden und die Gosse nie wieder betreten, das war sein Ziel gewesen, als er nach langen Monaten des Leidens endlich die Klinik verlassen konnte.
Den Eintritt in die Firma, hatte ihm die Heirat mit Helene ermöglicht. Er hatte sie kurz nach seiner Genesung in einer Bar kennen gelernt und sofort gewusst, dass sie es war, die ihm zum Erfolg verhelfen würde. Ihr Vater war Direktor der Rüstungsfirma gewesen, welche jetzt endlich ihm allein gehörte. Das Tor zur Welt, wie er sie heimlich zu nennen pflegte.
Er seufzte. Warum hatte sich Helene so gegen die Geschäfte gesträubt, die ihnen so unermesslich viel Geld eingebracht hätten? Wäre sie ein bisschen nachgiebiger gewesen, sie könnte noch am Leben sein. Eigentlich war sie doch eine ganz angenehme Partnerin gewesen. Sie tat ihm fast ein bisschen leid, wenn er daran dachte, wie heiss es wohl in ihrer Sauna inzwischen sein musste und wie verzweifelt Helene versuchen würde, die Tür zu öffnen.
Eigenartigerweise fror er immer noch. Dabei hatte er doch schon eine ziemliche Distanz zurückgelegt und müsste eigentlich schon längst erwärmt sein. Vor ihm spiegelte sich die aufgehende Sonne im Wasser während seine Muskeln langsam aber stetig ihren Dienst verweigerten.
Erstaunt erinnerte er sich noch daran, wie energisch Helene heute Morgen darauf bestanden hatte, dass er seinen Orangensaft austrank, bevor er schwimmen gehe. Bevor das Boot ihn überfuhr, meinte er kurz, Helene darauf zu erkennen.