Text und Musik reichen sich beim gemeinsamen Auftritt von Roman Wyss und Rhaban Straumann die Hand. Das Duo aus Olten präsentiert am Donnerstag, 29. Oktober (19.30 Uhr), berührende Stücke und intelligente Texte aus eigener und vor allem spitzer Feder. Nur die Headlines sind geklaut.
Die Oltner Kulturfusion Roman Wyss und Rhaban Straumann serviert unspektakuläre Kleinkunst mit Anspruch, gewürzt mit satirischen Noten und abgeschmeckt mit kabarettistischem Taktgefühl. Während der Musiker Roman Wyss mutig feinfühlig in die Tasten greift und dem Publikum auch unantastbare musikalische Verschnaufpausen verschafft, tastet sich der Schauspieler Rhaban Straumann gewohnt spitz an kleine Alltagsphilosophien, weise Eintagesgedanken und feinsinnige Zeitanalysen heran (siehe Text unten «Von netten Menschen»). Straumann ist ein glänzender Geschichtenerzähler, aber nicht im gewohnten Sinne. Inhalte formen sich aus Zeitungsnotizen und Wortfragmenten, Harmloses verliert sich in bitterböser Erkenntnis; es gibt kein Ausruhen auf Pointen, das Spiel der sprachlichen Möglichkeiten schafft mal zart, mal provozierend neue Welten. Straumann betrachtet nicht nur Zeitungsnotizen im philosophischen Schlaglicht, sondern sucht auch nach möglichen Geschichten hinter den Schlagzeilen. Wyss' Klavierspiel untermalt, betont, verstärkt, treibt voran, bricht die Kraft der Worte und lässt neue, eigene Geschichten aus Schlagzeilen entstehen. Und hinter jeder Geschichte steckt eine andere, verstecken sich viele andere … Sie wühlen in politischen Niederungen und belichten deren dunklen Seiten.

So die Schlagzeile. Hoffentlich wahr. Stellt euch einmal die Wut ihrer Verwandten vor! Sofern welche da waren. Davon gehe ich aus, dass sie sind oder waren, nur nie für sie. Sonst hätte die eigenwillige Dame ihr Vermögen nicht netten Menschen vererben müssen. Rund 200 an der Zahl. Fremde waren ihr offenbar näher als Verwandte, Bekannte fremder als Fremde. Eigentlich ein Glücksfall kriegen nette Menschen Geld und nicht die ferne Familie. Nette Leute dienen der Sache, dem Menschen eher denn Verwandte. Letztere zogen am Kürzeren, finden das voll daneben den Schuhen; kriegen innerlich einen Kampf aus mit ihrer Gier. Kriegen den Krampf, weil andere was kriegen, wofür sie krampften; die Apotheker und Busfahrerinnen, Metzger, Krankenpfleger und Stadtarbeiterinnen erhalten Lohn für grosszügige Menschlichkeit. Endlich. Nicht weil sie dachten, dass sie mehr auf der hohen Kante hatte als sie je unter der Matratze haben werden. Menschlichkeit darf sich auch auszahlen. Einmal mindestens. Es muss nicht gleich zwölfmal sein. Ein Zwölffaches Mehr wäre übertrieben, fänden alle, auch sie, die Betroffenen selbst. Ein Hundertfaches wäre pervers; so viel Wert hat Menschlichkeit nie und nimmer. Wieviel Geld der Grosszügigkeit zur Verfügung stand, erzählt uns die Zeitungsnotiz nicht. Das ist besser, so stehen den schönen Gedanken keine Zahlen im Weg. Nicht Vermögen, nicht Zahlen vermitteln schöne Geschichten; Buchstaben vermögen die wertvollen Gedanken zu formen. Würden Zeitungen wieder mehr schreiben, denn nur an Zahlen denken, denken müssen, würden sie mehr Inhalte drucken, könnten Buchstaben wirken und Worte Kraft entfalten. Würden SF-Hofsatiriker sich weniger auf sich auszahlende Zahlen fixieren, könnten sie mehr Tiefgang liefern, von Menschen erzählen. Von Menschen, die mehr gemeinsam haben als, dass sie nur nett waren, zur alten Dame. Respekt. Die Krankenpflegerin nahm sich Zeit, der Verkäufer hörte zu, die Metzgerin gab ihr ein Supplement, der Stadtarbeiter grüsste, die Apothekerin plauderte und der Busfahrer fuhr sanft an. Ein Kind schenkte ihr ein Lächeln und der schwarze Mann half ihr beim Aussteigen. Oh wie einfach wäre es, ein guter Mensch zu sein. Heute jedoch verwirrt, wer nicht selbstzufrieden egoistisch ist. Verwirrt wirkt, wer von Gier spricht, verwirkt sein wird, wer an eine Annäherung an Gerechtigkeit glaubt, verprügelt wird, wer sich dafür einsetzt, es prügelt ohnmächtig, weil nur Gier Wertschätzung erfährt. Ein Freak ist, wer sich nicht verkriecht. Ist es heute wahrlich wieder so schwierig, Mensch zu sein?